Die Gabe der Frömmigkeit

von Bischof Walter Kasper*

In den Ohren vieler klingt das Wort Frömmigkeit heute altmodisch, ja verstaubt. Die Frommen, so hört man es oft, das seien die Fügsamen, Gezähmten, die gewissenhaft, fast ängstlich religiöse Vorschriften und Traditionen beobachten, möglichst in Abschottung von der „bösen“ Welt. Gewiss, es gibt diese Form
von Frömmigkeit. Doch ihr Wesen ist damit nicht getroffen.
Wahrhaft fromm ist, wer den letzten Halt und Sinn seines Daseins in Gott findet. Daraus erwächst keine knechtische Furcht,
sondern echte Freiheit. Fromme Menschen wissen sich frei vom Bann allzumenschlicher Maßstäbe. Sie liefern sich den Unbedingtheitsansprüchen dieser Welt nicht aus und können sich so der Welt und dem Dienst an den Menschen dieser Welt um so freier zuwenden.

Frömmigkeit als Gabe des Heiligen Geistes, das heißt: Sie ist nicht zuerst Leistung, sondern Geschenk, göttliche Gnade, die uns durch Jesus Christus zuteil wurde. Ja, wir können sagen: Frömmigkeit ist die Bereitschaft, sich von Gott beschenken zu lassen. Wer sich von Gott beschenken, wer sich von seinem Geist
führen lässt, wird die Gabe der Frömmigkeit in seinem persönlichen,
alltäglichen Leben erfahren: in seinem Denken und in seinem Tun.
Beten wir daher immer und immer wieder um die Gabe der Frömmigkeit, damit unser Glaube tiefer, unsere Liebe größer, unsere Hoffnung stärker werde. Beten wir mit Augustinus:

Gebet

Atme in mir, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist,
dass ich das Heilige nimmer verliere.
(dem heiligen Augustinus zugeschrieben)

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.