Die Gabe der Gottesfurcht

von Bischof Rudolf Müller* († 2012)

Gottesfurcht – ein merkwürdiges Wort unter den Gaben des Heiligen Geistes. Weshalb darum beten? Hat nicht der aufgeklärte Mensch die Angst vor den Göttern abgeschüttelt? Nun hat er freilich Angst vor sich selbst, und das ist schlimm! Vielleicht hilft ihm deshalb gerade die Gabe der Gottesfurcht, aus dem Dilemma herauszukommen. Was bedeutet sie?

Das Wort heißt nicht „Gottesangst“ und schon gar nicht „Gottespanik“. Es heißt aber auch nicht „Gotteskumpanei“ oder „Gottesgleichgültigkeit“.

Der glaubende Mensch begnügt sich nicht mit irgendeinem „höheren Wesen“. Er nimmt Gott ernst in seiner Erhabenheit und Größe. Dennoch ist Gott ihm nicht fremd . Gott ist ein Gott des Lebens. Ihm zu dienen macht Freude. So weiß sich der Glaubende befreit von dunklen Schicksalsmächten oder „außerirdischen“ Rachewesen. In Christus ist uns erschienen die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes. Krippe und Kreuz sind dafür Beweis. Somit kennt der von der Liebe Gottes umfangene Mensch nur die eine Furcht: aus dieser Liebe herauszufallen.

Gottesfurcht als Geschenk des Geistes – könnte sie uns nicht helfen, unsere Beziehungen zu Gott neu zu ordnen? Vielen würde die Angst vor sich selbst genommen werden. Denn so heißt es im Buch der Sprüche: „in der Furcht Gottes liegt ein fester Verlass … die Furcht Gottes ist eine Quelle des Lebens“ (vgl. Spr 14,26f).

Gebet

Strom der Liebe Christi,
Feuerstrom,
überflute die Dürre des Herzens,
durchbrich sie von allen Seiten,
laß zerschmelzen,
was sich auflehnt vor dem Geheimnis
der Gemeinschaft in dir.
(Roger Schutz)
Nichts soll dich ängstigen,
nichts dich erschrecken.
Alles geht vorüber.
Gott allein bleibt derselbe.
Gott allein genügt.
(Hl. Theresia von Avila)

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.