Die Gabe der Vergebung

von Joachim Kardinal Meisner*

„Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,35), so wird uns in der Apostelgeschichte ein Christuswort überliefert. Und wir fügen hinzu: Geben ist deshalb seliger als nehmen, weil es göttlicher ist. Gott lebt allein von der Gabe, vom Geben. Der Vater gibt sich an den Sohn, der Sohn an den Vater und beide zusammen geben sich an den Heiligen Geist. Freigebige Menschen sind darum glückliche Menschen, während der Geizhals das Unglück in Person ist. Weil es im Herrn nichts gab, was nicht bereits verschenkt und für andere bestimmt war, hatte der Tod, als er ihn am Kreuz ereilte, nichts gefunden, an dem er sich hätte festhalten können. Darum ist die Auferstehung der Toten nichts anderes als eine Konsequenz des Gebens, der Freigebigkeit, des Schenkens. Die größte Gabe, die Gott zu vergeben hat, ist die Vergebung. Und die höchste Gnade, die Gott zu verschenken hat, ist die Begnadigung. Wir brauchen sie nötiger als das tägliche Brot. Von hier aus gesehen kann das kleine Wörtchen .,vergeblich“ gar kein Negativwort sein. Ich wünschte mir, mein Leben wäre in diesem Sinne vergeblich, d.h., die Vergebung, die ich empfangen habe, möchte ich wieder weitergeben . Alles, was ich bin und habe, ist vergeblich, d.h. verschenkbar, so wie bei Gott selbst. Unter uns Menschen heißt es oft: .,Wie du mir, so ich dir“. Bei uns Christen aber sollte es heißen: .,Wie Gott mir, so ich dir.“ Wie sieht dieses .,Wie-Gott-mir“ jedoch aus? Es sieht so aus, daß mir Gott als einer begegnet, der mir seine Gaben gibt und der mich mit seiner Vergebung beschenkt . Dies wird besonders im Beichtstuhl erfahrbar. Das sicherste Zeichen, nicht richtig gebeichtet zu haben, besteht darin, die empfangene Vergebenung nicht weiter ver-geben zu können. Übrigens ist dieser Gedanke schon im Vaterunser formuliert, wenn es dort heißt: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Gebet

Mein Herr und mein Gott, Schuld und Sünde
deformieren Dein Bild in mir.
Sie machen meine Hand zur Faust, meinen Arm
zum Ellbogen, mein Herz zum Stein.
So werde ich zum Gefangenen meiner selbst.
Deine Vergebung aber erweckt Dein Ebenbild in
mir zum neuen Leben.
Dann öffnet sich meine Faust zur gebenden Hand,
der Ellbogen wird zum tragenden Arm und das
steinerne Herz verwandelt sich in Mitgefühl für alle
Mühseligen und Beladenen.
Erhalte uns die Fähigkeit, uns immerdar von Deiner
Vergebung beschenken zu lassen. Ich bekenne,
daß Du keine größere Gabe geben kannst als die
Vergebung. Amen

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.