Die Gabe des Gebetes

von Friedrich Kardinal Wetter*

Vom Heiligen Geist wird viel geredet, vielleicht heute sogar mehr als früher, doch das eigentliche „Medium“, in dem sich der Geist mitteilt, ist das Schweigen, das Beten im Schweigen. Der Heilige Geist steht am Anfang eines Gebetes, erfüllt es mit Kraft, und er steht am Ende des Gebetes. Im Römerbrief eröffnet uns der Apostel Paulus den Zugang zu dieser Wahrheit: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ (Röm 8,26) Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an. Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, daß wir von uns selber aus nicht beten könnten, wenn uns der Geist dazu nicht befähigen würde. Wir beten also nicht nur um den Geist, sondern das Gebet ist bereits seine Gabe. Noch bevor wir den Mund auftun zum Gebet, hat der Heilige Geist in unseren Herzen gewirkt. Die großen Beter aus der Geschichte des Christentums wußten das. Man spürt ihren Gebeten an, daß sie nicht sozusagen am Schreibtisch verfaßt wurden, sondern im betrachtenden Schweigen langsam Form angenommen haben. Am Anfang des Gebetes steht der Geist, der den Schwachen und Suchenden in das Gebet einführt. Der Geist „tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,27f). ln solchem Vertrauen weiß der Beter, daß Gott alles zum Guten führt. So steht für ihn der Heilige Geist auch am Ende des Gebetes. Viele unserer Bitten wähnen wir vergeblich. Der Geist lehrt uns, dass kein Gebet vergeblich ist, dass Gott vielmehr alles zum Guten wenden wird, freilich in einer Weise, die wir oft nicht sofort, vielleicht aber später verstehen. Den Schlüssel zum Verständnis des Willens Gottes schenkt uns der Geist im Gebet.

Gebet „Gib mir Deinen Heiligen Geist“

Gott, ohne Deinen Heiligen Geist wäre unser Leben geist-los.
Mit Deinem Heiligen Geist aber ist unser Leben geist-voll.
Sende uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Dein Licht in uns.
Durch ihn erkennen wir, was Wahrheit und Lüge ist.
Schenke uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Deine Kraft in uns.
Durch ihn schaffen wir Dinge, die menschlich unmöglich sind.
Durch ihn ertragen wir Leiden, die sonst unerträglich werden.
Sende uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Dein Leben in uns.
Wenn er in uns atmet, hat selbst der Tod keine Macht über uns.
Schenke uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Deine Liebe in uns.
Wenn er uns durchströmt, können wir beten und Du zu Dir
sagen, weil er in uns betet.
Wenn er uns erfüllt, können wir lieben, weil er in uns liebt.
Darum: Gib uns Deinen Heiligen Geist.

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.