Du kannst dir kein Bild davon machen …

Impuls von Bischof em. Franz Kamphaus

‚Das ist nicht zu fassen‘, sagen wir. Es gibt Erfahrungen, die nicht in Worte zu fassen sind, gute und böse Erfahrungen, Sternstunden und Hiobsbotschaften: Nicht zu fassen.

Vielleicht denken Sie heute am Pfingsttag eher an Situationen, da Ihnen das Herz aufging – unfassbar, unbeschreiblich: ein strahlender Sonnenaufgang, eine hinreißende Musik, eine umwerfende Begegnung. Wir sind ‚ganz weg‘, geraten außer uns, tanzen und singen. Das Gespür für die Wirklichkeit weitet sich über die Grenzen des Vorfindlichen hinaus. Neue Horizonte tun sich auf. Wir ahnen: Es gibt noch ganz andere Lebensmöglichkeiten als die, die in unseren Kräften stehen, Größeres, Unbedingtes, die Möglichkeiten Gottes mit uns!

Sich halten an den Unfassbaren

Das ist Pfingsten. Menschen geraten außer sich. So steht’s da wörtlich: »Alle gerieten außer sich …« (Apg 2,12). Sie sind erfüllt von Gottes Geist. Der sprengt jeden Rahmen, der ist nicht zu fassen, er weht, wo er will (vgl. Joh 3,8). ‚Du kannst dir kein Bild davon machen‘, sagen wir. So ist das mit dem Heiligen Geist. Gerade so bringt er zum Ausdruck, was uns das zweite Gebot des Dekalogs einschärft: »Du sollst dir kein Bild machen von Gott …« (Ex 20,4). Gott ist nicht ein Produkt unserer Vorstellungen und Bedürfnisse, nicht in Bildern fassbar. Das goldene Kalb muss zermalmt werden. Ein selbstgemachter Gott ist kein Gott, sondern ein Hampelmann.

Pfingsten (Ausschnitt) von Salomon de Bray (1597-1664)
Pfingsten (Ausschnitt) von Salomon de Bray (1597-1664)

Und doch – wir Menschen sind sinnliche Wesen. Wir sind auf Bilder angewiesen, um zu Einsichten zu kommen. Wir greifen zu Symbolen, um den Heiligen Geist und sein Wirken darzustellen: Wasser, Feuerzungen, Sturm, Atem. Aber damit haben wir ihn nicht im Griff. Wir haben ihn nicht in der Hand, als wäre er ein Prachtexemplar des kirchlichen Inventars, über das wir verfügen und das wir nach Bedarf unters Volk bringen.

Welch ungeheure Spannung: Einerseits denken wir in Bildern, andererseits müssen wir die Bilder ständig hinter uns lassen, sonst verwechseln wir sie schließlich mit der Sache selbst und meinen, wir hätten den Heiligen Geist darin eingefangen. Das ist ein ständiger Lernprozess, Bildung wortwörtlich. Die Wirklichkeit gerade des Geistes ist unfassbar. Wir halten uns an den Unfassbaren, sagt Hans Urs von Balthasar.

Das Bild des unsichtbaren Gottes

‚Im Menschen ist göttlicher Atem, er belebt ihn (vgl. Gen 2,7); der Mensch ist Gottes Ebenbild. Darum ist er in das Bilderverbot einbezogen. Das hat der schweizerische Schriftsteller Max Frisch immer wieder unterstrichen: »>Du sollst dir kein Bildnis machen>, heißt es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen – ausgenommen, wenn wir lieben« (Tagebuch).

Der, durch den uns das aufgegangen, ist Jesus Christus. Er hat in Gleichnissen von Gott gesprochen, er ist zum Gleichnis Gottes und des Menschen geworden. »Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15). Und doch hat er keinen Zweifel daran gelassen, dass wir ihn nicht in der Hand haben, schon gar nicht im Griff. Er entzieht sich unserem Zugriff. Wir können ihn nicht festhalten (vgl. Joh 20,17). »Es ist gut für euch, dass ich fortgehe …« (Joh 16,7), sagt er. Er ist das sichtbare Bild des unsichtbaren Gottes. Beides gilt: sichtbar und unsichtbar – wie in der Emmausgeschichte, wie jetzt in der Eucharistie.

Bilderverbot, das den Menschen betrifft

Der Mensch – Gottes Ebenbild. Wir sind ständig in Gefahr, uns ein Bild zu machen vom anderen, ihn in unsere Vorurteile zu pressen. Damit machen wir ihn schließlich fix und fertig. Besonders hart trifft das in der Regel die sogenannten Ausländer: die Polen, dieRumänen, die Türken, die Muslime. Wir versündigen uns an ihnen und an Gott, dessen Ebenbild sie sind. ‚Mensch, du kannst dir kein Bild davon machen‘, du darfst dir kein Bild davon machen. Wenn wir die Menschen auf ein Bild reduzieren, dann verstoßen wir gegen Gottes Gebot.

Wir leben in einer visuellen Kultur. Die Macht der Bilder fesselt uns über viele Kanäle. Wir lassen uns gefangennehmen von bestimmten Vorstellungen, Kategorien, Schemata und übertragen sie dann auf die Menschen neben uns.

Ist das nicht bezeichnend: Das erste Bild, das wir heute in der Regel von einem Menschen haben, kommt vom Ultraschall: Der Blick des Arztes auf den Embryo bei der vorgeburtlichen Untersuchung. Nicht die Mutter blickt zuerst auf das Kind und der Vater, sie tun es dann mit den Augen des Arztes, der nach Fehlern sucht, nach Schwächen oder gar nach den Schwachen. Ist das der Blick der Liebe?

Wie sehen wir uns selbst? Mit wessen Augen schaut sich an, wer im Spiegel nur noch Fettpolster hier und Tränensäcke dort sieht, den eigenen Körper sozusagen als einen einzigen Schönheitsfehler? Welchem Vorbild eifert nach, wer sich für Fitness, Wellness und Beautiness mit einer Ausdauer und Leidenschaft quält, die mittelalterliche Folterknechte in Erstaunen versetzt hätte? Die Weigerung des Menschen, sich als Ebenbild Gottes anzunehmen, schürt eine zermürbende und zerstörerische Unzufriedenheit mit sich selbst. Sie liefert den Menschen schutzlos dem Perfektionszwang der selbstfabrizierten Idealbilder aus.

Aus diesem Bann kann ihn nur die Liebe befreien. Sie lässt sich nicht von vorgefertigten Bildern fesseln. Wer wirklich liebt, der hört auf, sich ein Bild vom Geliebten zu machen, dem dieser genügen muss, um liebenswert zu sein. Er sagt: ‚Ich sage ja zu dir, so wie du bist. Ich liebe dich einfach.‘

‚Du kannst dir kein Bild davon machen‘. »Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind« (M. Frisch).

Aus: Franz Kamphaus, Gott beim Wort nehmen. Zeitansagen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.