Pfingstlied heute

Die Wunder von damals müssen’s nicht sein, auch nicht die Formen von gestern;
nur lass uns zusammen Gemeinde sein, eins so wie Brüder und Schwestern,
ja, gib uns deinen guten Geist, mach uns zu Brüder und Schwestern.

Auch Zungen von Feuer müssen’s nicht sein, Sprachen, die jauchzend entstehen,
nur gib uns ein Wort, darin Wahrheit ist, dass wir, was Recht ist, verstehen,
ja, gib uns den Geist, deiner Wahrheit Geist, dass wir einander verstehen!

Ein Brausen vom Himmel muss es nicht sein, Sturm über Völker und Ländern,
nur gib uns den Atem, ein kleines Stück unserer Welt zu verändern,
ja, gib uns den Geist, deinen Lebensgeist, uns und die Erde zu ändern!

Der Rausch der Verzückung muss es nicht sein, Jubel und Gestikulieren,
nur gib uns ein wenig Begeisterung, dass wir den Mut nicht verlieren,
ja, gib uns den Geist, deinen Heil’gen Geist, dass wir den Mut nicht verlieren.

(Lothar Zenetti)

Du kannst dir kein Bild davon machen …

Impuls von Bischof em. Franz Kamphaus

‚Das ist nicht zu fassen‘, sagen wir. Es gibt Erfahrungen, die nicht in Worte zu fassen sind, gute und böse Erfahrungen, Sternstunden und Hiobsbotschaften: Nicht zu fassen.

Vielleicht denken Sie heute am Pfingsttag eher an Situationen, da Ihnen das Herz aufging – unfassbar, unbeschreiblich: ein strahlender Sonnenaufgang, eine hinreißende Musik, eine umwerfende Begegnung. Wir sind ‚ganz weg‘, geraten außer uns, tanzen und singen. Das Gespür für die Wirklichkeit weitet sich über die Grenzen des Vorfindlichen hinaus. Neue Horizonte tun sich auf. Wir ahnen: Es gibt noch ganz andere Lebensmöglichkeiten als die, die in unseren Kräften stehen, Größeres, Unbedingtes, die Möglichkeiten Gottes mit uns!

Sich halten an den Unfassbaren

Das ist Pfingsten. Menschen geraten außer sich. So steht’s da wörtlich: »Alle gerieten außer sich …« (Apg 2,12). Sie sind erfüllt von Gottes Geist. Der sprengt jeden Rahmen, der ist nicht zu fassen, er weht, wo er will (vgl. Joh 3,8). ‚Du kannst dir kein Bild davon machen‘, sagen wir. So ist das mit dem Heiligen Geist. Gerade so bringt er zum Ausdruck, was uns das zweite Gebot des Dekalogs einschärft: »Du sollst dir kein Bild machen von Gott …« (Ex 20,4). Gott ist nicht ein Produkt unserer Vorstellungen und Bedürfnisse, nicht in Bildern fassbar. Das goldene Kalb muss zermalmt werden. Ein selbstgemachter Gott ist kein Gott, sondern ein Hampelmann.

Pfingsten (Ausschnitt) von Salomon de Bray (1597-1664)
Pfingsten (Ausschnitt) von Salomon de Bray (1597-1664)

Und doch – wir Menschen sind sinnliche Wesen. Wir sind auf Bilder angewiesen, um zu Einsichten zu kommen. Wir greifen zu Symbolen, um den Heiligen Geist und sein Wirken darzustellen: Wasser, Feuerzungen, Sturm, Atem. Aber damit haben wir ihn nicht im Griff. Wir haben ihn nicht in der Hand, als wäre er ein Prachtexemplar des kirchlichen Inventars, über das wir verfügen und das wir nach Bedarf unters Volk bringen.

Welch ungeheure Spannung: Einerseits denken wir in Bildern, andererseits müssen wir die Bilder ständig hinter uns lassen, sonst verwechseln wir sie schließlich mit der Sache selbst und meinen, wir hätten den Heiligen Geist darin eingefangen. Das ist ein ständiger Lernprozess, Bildung wortwörtlich. Die Wirklichkeit gerade des Geistes ist unfassbar. Wir halten uns an den Unfassbaren, sagt Hans Urs von Balthasar.

Das Bild des unsichtbaren Gottes

‚Im Menschen ist göttlicher Atem, er belebt ihn (vgl. Gen 2,7); der Mensch ist Gottes Ebenbild. Darum ist er in das Bilderverbot einbezogen. Das hat der schweizerische Schriftsteller Max Frisch immer wieder unterstrichen: »>Du sollst dir kein Bildnis machen>, heißt es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist. Es ist eine Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlass wieder begehen – ausgenommen, wenn wir lieben« (Tagebuch).

Der, durch den uns das aufgegangen, ist Jesus Christus. Er hat in Gleichnissen von Gott gesprochen, er ist zum Gleichnis Gottes und des Menschen geworden. »Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15). Und doch hat er keinen Zweifel daran gelassen, dass wir ihn nicht in der Hand haben, schon gar nicht im Griff. Er entzieht sich unserem Zugriff. Wir können ihn nicht festhalten (vgl. Joh 20,17). »Es ist gut für euch, dass ich fortgehe …« (Joh 16,7), sagt er. Er ist das sichtbare Bild des unsichtbaren Gottes. Beides gilt: sichtbar und unsichtbar – wie in der Emmausgeschichte, wie jetzt in der Eucharistie.

Bilderverbot, das den Menschen betrifft

Der Mensch – Gottes Ebenbild. Wir sind ständig in Gefahr, uns ein Bild zu machen vom anderen, ihn in unsere Vorurteile zu pressen. Damit machen wir ihn schließlich fix und fertig. Besonders hart trifft das in der Regel die sogenannten Ausländer: die Polen, dieRumänen, die Türken, die Muslime. Wir versündigen uns an ihnen und an Gott, dessen Ebenbild sie sind. ‚Mensch, du kannst dir kein Bild davon machen‘, du darfst dir kein Bild davon machen. Wenn wir die Menschen auf ein Bild reduzieren, dann verstoßen wir gegen Gottes Gebot.

Wir leben in einer visuellen Kultur. Die Macht der Bilder fesselt uns über viele Kanäle. Wir lassen uns gefangennehmen von bestimmten Vorstellungen, Kategorien, Schemata und übertragen sie dann auf die Menschen neben uns.

Ist das nicht bezeichnend: Das erste Bild, das wir heute in der Regel von einem Menschen haben, kommt vom Ultraschall: Der Blick des Arztes auf den Embryo bei der vorgeburtlichen Untersuchung. Nicht die Mutter blickt zuerst auf das Kind und der Vater, sie tun es dann mit den Augen des Arztes, der nach Fehlern sucht, nach Schwächen oder gar nach den Schwachen. Ist das der Blick der Liebe?

Wie sehen wir uns selbst? Mit wessen Augen schaut sich an, wer im Spiegel nur noch Fettpolster hier und Tränensäcke dort sieht, den eigenen Körper sozusagen als einen einzigen Schönheitsfehler? Welchem Vorbild eifert nach, wer sich für Fitness, Wellness und Beautiness mit einer Ausdauer und Leidenschaft quält, die mittelalterliche Folterknechte in Erstaunen versetzt hätte? Die Weigerung des Menschen, sich als Ebenbild Gottes anzunehmen, schürt eine zermürbende und zerstörerische Unzufriedenheit mit sich selbst. Sie liefert den Menschen schutzlos dem Perfektionszwang der selbstfabrizierten Idealbilder aus.

Aus diesem Bann kann ihn nur die Liebe befreien. Sie lässt sich nicht von vorgefertigten Bildern fesseln. Wer wirklich liebt, der hört auf, sich ein Bild vom Geliebten zu machen, dem dieser genügen muss, um liebenswert zu sein. Er sagt: ‚Ich sage ja zu dir, so wie du bist. Ich liebe dich einfach.‘

‚Du kannst dir kein Bild davon machen‘. »Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind« (M. Frisch).

Aus: Franz Kamphaus, Gott beim Wort nehmen. Zeitansagen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.

Die Gaben des Heiligen Geistes

Geistliche Impulse und Gebete zu den Gaben des Heiligen Geistes – diese Texte sind kleine Juwelen: verfasst für die Renovabis-Pfingstnovene 1996, haben sie heute nichts von ihrer Aussagekraft verloren.
Verfasst wurden die Texte u.a. von Weihbischof Leo Schwarz, Bischof Josef Homeyer, Georg Kardinal Sterzinsky und Bischof Walter Kasper (Funktionen zum Zeitpunkt der Autorenschaft im Jahr 1996).

Der Heilige Geist – Die Gabe der Liebe

von Miloslav Kardinal Vlk*

Im Neuen Testament werden beim heiligen Paulus (Ga I 5,22) die Gaben des Heiligen Geistes anders aufgezählt als im Alten Testament (Jes 11 ,1 ff). Bei ihm steht in der Reihe der Gaben des Heiligen Geistes an erster Stelle – die Liebe. Sie ist eigentlich der Heilige Geist selbst . .,Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Es ist die Liebe des Vaters und des Sohnes, die die Dreifaltigkeit zur unteilbaren Einheit Gottes verbindet . .,Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4, 16). Gott als Liebe- das ist von schöpferischer Dynamik. ER möchte sich hinaus ausgießen, einem anderen Du entgegengehen, er möchte sich selbst schenken, zum Anteil an sich selbst hinreißen. Die Gabe der Liebe Gottes gießt uns Jesus ununterbrochen in unser Inneres durch sein Wort, das .,Geist und Leben“ (Joh 6,63) ist. durch all seine Sakramente, besonders durch die Eucharistie (..Erfülle uns mit Deinem Heiligen Geist … „, Drittes Hochgebet). Diese Gabe ist uns nicht nur um unserer selbst willen gegeben, daß wir sie für uns aufbewahren oder gar verbergen. Sie möchte aus ihrem Wesen heraus vereinen und verwandeln (.,damit auch wir ein Leib und ein Geist werden in Christus“, Drittes Hochgebet), sie möchte einen neuen Lebensstil, eine neue Kultur des Gebens einbringen. Durch uns möchte Jesus eine Gemeinschaft nach dem Vorbild der Dreifaltigkeit schaffen, zu deren Abbild wir geschaffen wurden (Gen 1,26) … Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind (d . h. in der Liebe; vgl. 1 Joh 4, 16), da bin ich mitten unter Ihnen“ (Mt 18,20). Damit wir selbst zu einer Gabe werden, „zum Lob seiner Herrlichkeit“ (Eph 1,13-14).

Die Liebe ist daher die größte, die universelle Gabe. Es ist Gott selbst in uns und unter uns zur Segnung der Weit und zum Heranreifen des Heiles in uns. So werden wir fähig, in die ewige Gemeinschaft der Liebe mit ihm hineinzusterben.

Gebet

Herr, ich bin von einer Weit der Dinge umgeben,
die ich hergestellt, gekauft, mir angeschafft habe.
Ich bin versichert und abgesichert in einer „Kultur des Habens“.
Ich glaube, alles zu besitzen, auch die volle Freiheit.
Ich glaube, Herr zu sein.
Es könnte daher scheinen, daß ich keine Gabe brauche.

Und doch: ich sehne mich, Herr, danach,
daß mich jemand gern hat,
daß mir jemand sein Interesse schenkt,
daß ich für jemanden etwas bedeute und begehrt bin.
Ich sehne mich danach, daß ich selbst liebe.
Das sind Deine verwehten Spuren in mir.
Wir brauchen Deine Gabe, Herr, die Gabe der Liebe,
um die tiefste Sehnsucht unseres Menschenherzens
zu erfüllen.

Und so rufe ich zu Dir:
Komm, Herr, zu Deinem Geschöpf!
Komm zu mir und fülle meine Wüste mit der Gabe
Deiner Liebe!
Dann wird mein Leben erneuert wie auch die Weit,
die die erste Gabe Deiner Schöpferliebe ist.

Von Dir angetrieben öffne ich mein Inneres
für den Strom der Gaben des Heiligen Geistes,
zusammengefasst in der Gabe aller Gaben – in Deiner Liebe!
Maranatha! Komm, Herr Jesus, komm!

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.

Die Gabe des Gebetes

von Friedrich Kardinal Wetter*

Vom Heiligen Geist wird viel geredet, vielleicht heute sogar mehr als früher, doch das eigentliche „Medium“, in dem sich der Geist mitteilt, ist das Schweigen, das Beten im Schweigen. Der Heilige Geist steht am Anfang eines Gebetes, erfüllt es mit Kraft, und er steht am Ende des Gebetes. Im Römerbrief eröffnet uns der Apostel Paulus den Zugang zu dieser Wahrheit: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ (Röm 8,26) Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an. Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, daß wir von uns selber aus nicht beten könnten, wenn uns der Geist dazu nicht befähigen würde. Wir beten also nicht nur um den Geist, sondern das Gebet ist bereits seine Gabe. Noch bevor wir den Mund auftun zum Gebet, hat der Heilige Geist in unseren Herzen gewirkt. Die großen Beter aus der Geschichte des Christentums wußten das. Man spürt ihren Gebeten an, daß sie nicht sozusagen am Schreibtisch verfaßt wurden, sondern im betrachtenden Schweigen langsam Form angenommen haben. Am Anfang des Gebetes steht der Geist, der den Schwachen und Suchenden in das Gebet einführt. Der Geist „tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,27f). ln solchem Vertrauen weiß der Beter, daß Gott alles zum Guten führt. So steht für ihn der Heilige Geist auch am Ende des Gebetes. Viele unserer Bitten wähnen wir vergeblich. Der Geist lehrt uns, dass kein Gebet vergeblich ist, dass Gott vielmehr alles zum Guten wenden wird, freilich in einer Weise, die wir oft nicht sofort, vielleicht aber später verstehen. Den Schlüssel zum Verständnis des Willens Gottes schenkt uns der Geist im Gebet.

Gebet „Gib mir Deinen Heiligen Geist“

Gott, ohne Deinen Heiligen Geist wäre unser Leben geist-los.
Mit Deinem Heiligen Geist aber ist unser Leben geist-voll.
Sende uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Dein Licht in uns.
Durch ihn erkennen wir, was Wahrheit und Lüge ist.
Schenke uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Deine Kraft in uns.
Durch ihn schaffen wir Dinge, die menschlich unmöglich sind.
Durch ihn ertragen wir Leiden, die sonst unerträglich werden.
Sende uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Dein Leben in uns.
Wenn er in uns atmet, hat selbst der Tod keine Macht über uns.
Schenke uns Deinen Heiligen Geist. Er ist Deine Liebe in uns.
Wenn er uns durchströmt, können wir beten und Du zu Dir
sagen, weil er in uns betet.
Wenn er uns erfüllt, können wir lieben, weil er in uns liebt.
Darum: Gib uns Deinen Heiligen Geist.

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.

Die Gabe der Vergebung

von Joachim Kardinal Meisner*

„Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,35), so wird uns in der Apostelgeschichte ein Christuswort überliefert. Und wir fügen hinzu: Geben ist deshalb seliger als nehmen, weil es göttlicher ist. Gott lebt allein von der Gabe, vom Geben. Der Vater gibt sich an den Sohn, der Sohn an den Vater und beide zusammen geben sich an den Heiligen Geist. Freigebige Menschen sind darum glückliche Menschen, während der Geizhals das Unglück in Person ist. Weil es im Herrn nichts gab, was nicht bereits verschenkt und für andere bestimmt war, hatte der Tod, als er ihn am Kreuz ereilte, nichts gefunden, an dem er sich hätte festhalten können. Darum ist die Auferstehung der Toten nichts anderes als eine Konsequenz des Gebens, der Freigebigkeit, des Schenkens. Die größte Gabe, die Gott zu vergeben hat, ist die Vergebung. Und die höchste Gnade, die Gott zu verschenken hat, ist die Begnadigung. Wir brauchen sie nötiger als das tägliche Brot. Von hier aus gesehen kann das kleine Wörtchen .,vergeblich“ gar kein Negativwort sein. Ich wünschte mir, mein Leben wäre in diesem Sinne vergeblich, d.h., die Vergebung, die ich empfangen habe, möchte ich wieder weitergeben . Alles, was ich bin und habe, ist vergeblich, d.h. verschenkbar, so wie bei Gott selbst. Unter uns Menschen heißt es oft: .,Wie du mir, so ich dir“. Bei uns Christen aber sollte es heißen: .,Wie Gott mir, so ich dir.“ Wie sieht dieses .,Wie-Gott-mir“ jedoch aus? Es sieht so aus, daß mir Gott als einer begegnet, der mir seine Gaben gibt und der mich mit seiner Vergebung beschenkt . Dies wird besonders im Beichtstuhl erfahrbar. Das sicherste Zeichen, nicht richtig gebeichtet zu haben, besteht darin, die empfangene Vergebenung nicht weiter ver-geben zu können. Übrigens ist dieser Gedanke schon im Vaterunser formuliert, wenn es dort heißt: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“

Gebet

Mein Herr und mein Gott, Schuld und Sünde
deformieren Dein Bild in mir.
Sie machen meine Hand zur Faust, meinen Arm
zum Ellbogen, mein Herz zum Stein.
So werde ich zum Gefangenen meiner selbst.
Deine Vergebung aber erweckt Dein Ebenbild in
mir zum neuen Leben.
Dann öffnet sich meine Faust zur gebenden Hand,
der Ellbogen wird zum tragenden Arm und das
steinerne Herz verwandelt sich in Mitgefühl für alle
Mühseligen und Beladenen.
Erhalte uns die Fähigkeit, uns immerdar von Deiner
Vergebung beschenken zu lassen. Ich bekenne,
daß Du keine größere Gabe geben kannst als die
Vergebung. Amen

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.

Die Gabe der Gottesfurcht

von Bischof Rudolf Müller* († 2012)

Gottesfurcht – ein merkwürdiges Wort unter den Gaben des Heiligen Geistes. Weshalb darum beten? Hat nicht der aufgeklärte Mensch die Angst vor den Göttern abgeschüttelt? Nun hat er freilich Angst vor sich selbst, und das ist schlimm! Vielleicht hilft ihm deshalb gerade die Gabe der Gottesfurcht, aus dem Dilemma herauszukommen. Was bedeutet sie?

Das Wort heißt nicht „Gottesangst“ und schon gar nicht „Gottespanik“. Es heißt aber auch nicht „Gotteskumpanei“ oder „Gottesgleichgültigkeit“.

Der glaubende Mensch begnügt sich nicht mit irgendeinem „höheren Wesen“. Er nimmt Gott ernst in seiner Erhabenheit und Größe. Dennoch ist Gott ihm nicht fremd . Gott ist ein Gott des Lebens. Ihm zu dienen macht Freude. So weiß sich der Glaubende befreit von dunklen Schicksalsmächten oder „außerirdischen“ Rachewesen. In Christus ist uns erschienen die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes. Krippe und Kreuz sind dafür Beweis. Somit kennt der von der Liebe Gottes umfangene Mensch nur die eine Furcht: aus dieser Liebe herauszufallen.

Gottesfurcht als Geschenk des Geistes – könnte sie uns nicht helfen, unsere Beziehungen zu Gott neu zu ordnen? Vielen würde die Angst vor sich selbst genommen werden. Denn so heißt es im Buch der Sprüche: „in der Furcht Gottes liegt ein fester Verlass … die Furcht Gottes ist eine Quelle des Lebens“ (vgl. Spr 14,26f).

Gebet

Strom der Liebe Christi,
Feuerstrom,
überflute die Dürre des Herzens,
durchbrich sie von allen Seiten,
laß zerschmelzen,
was sich auflehnt vor dem Geheimnis
der Gemeinschaft in dir.
(Roger Schutz)
Nichts soll dich ängstigen,
nichts dich erschrecken.
Alles geht vorüber.
Gott allein bleibt derselbe.
Gott allein genügt.
(Hl. Theresia von Avila)

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.

Die Gabe der Frömmigkeit

von Bischof Walter Kasper*

In den Ohren vieler klingt das Wort Frömmigkeit heute altmodisch, ja verstaubt. Die Frommen, so hört man es oft, das seien die Fügsamen, Gezähmten, die gewissenhaft, fast ängstlich religiöse Vorschriften und Traditionen beobachten, möglichst in Abschottung von der „bösen“ Welt. Gewiss, es gibt diese Form
von Frömmigkeit. Doch ihr Wesen ist damit nicht getroffen.
Wahrhaft fromm ist, wer den letzten Halt und Sinn seines Daseins in Gott findet. Daraus erwächst keine knechtische Furcht,
sondern echte Freiheit. Fromme Menschen wissen sich frei vom Bann allzumenschlicher Maßstäbe. Sie liefern sich den Unbedingtheitsansprüchen dieser Welt nicht aus und können sich so der Welt und dem Dienst an den Menschen dieser Welt um so freier zuwenden.

Frömmigkeit als Gabe des Heiligen Geistes, das heißt: Sie ist nicht zuerst Leistung, sondern Geschenk, göttliche Gnade, die uns durch Jesus Christus zuteil wurde. Ja, wir können sagen: Frömmigkeit ist die Bereitschaft, sich von Gott beschenken zu lassen. Wer sich von Gott beschenken, wer sich von seinem Geist
führen lässt, wird die Gabe der Frömmigkeit in seinem persönlichen,
alltäglichen Leben erfahren: in seinem Denken und in seinem Tun.
Beten wir daher immer und immer wieder um die Gabe der Frömmigkeit, damit unser Glaube tiefer, unsere Liebe größer, unsere Hoffnung stärker werde. Beten wir mit Augustinus:

Gebet

Atme in mir, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist,
dass ich das Heilige nimmer verliere.
(dem heiligen Augustinus zugeschrieben)

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.

Die Gabe der Stärke

von Erzbischof Ludwig Averkamp* († 2013)

Die Stärke – eine Gabe des Heiligen Geistes! Die Stärke – eine Gabe für uns Menschen heute!

Unsere Weit wird sich zunehmend ihrer Begrenztheit bewusst. Unsere Zeit erkennt ihre Vorläufigkeit. Der Mensch unserer Gegenwart erlebt seine Hilflosigkeit angesichts einer gefährdeten Welt und seiner eigenen Unzulänglichkeit. Wir sind versucht, mutlos zu werden. Wir sagen, wir seien oft ausgebrannt und müde. Die Aufgaben werden uns zu groß, und wir erleben, dass uns die Kraft verlässt. Wie oft bewegt sich nichts oder scheint nichts weiterzugehen in der Familie, der Nachbarschaft, der Gesellschaft. Die Mühe findet keinen sichtbaren Erfolg. Alles droht ziellos und kraftlos zu werden.

„Es ist zum Verzweifeln!“

Und dann lächelt uns jemand an, einer bedankt sich, jemand wendet sich uns überraschend zu und einer hilft. Ein Kind hüpft, ein Mann singt, eine Frau spielt. Der Sonnenaufgang zeigt seine Schönheit und der Vogel zwitschert seine Freude. Wir erleben Gottes Schöpfung und seine Gemeinschaft. Wir finden Stille, lebendige Worte, gemeinsames Gebet, hilfreiche Zeichen und menschliche Gesichter. Wir entdecken Chancen, Aufbrüche, Quellen und Neuanfänge. Wir finden Stärke, die uns geschenkt wird.

Wenn wir unsere Schwäche annehmen, entfaltet sich Gottes Kraft. Wenn wir unsere Begrenztheit eingestehen, wird uns die Stärke aus dem Heiligen Geist lebendig. Die Menschen können singen:

„Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke“ (Ps 18,2).

Gebet

v Wir beten um den Geist der Stärke. Inmitten einer oft entmutigten Welt werden wir immer wieder kleingläubig.
A Komm, Heiliger Geist, lass uns leben aus Deiner Stärke.
v Wir erkennen oft das Gute, das wir tun wollen, haben aber nicht die Kraft es zu tun .
A Komm, Heiliger Geist, lass uns leben aus Deiner Stärke.
v ln unseren Ängstlichkeiten und Befürchtungen verlieren wir oft das Vertrauen auf Deine frohe Verheißung.
A Komm, Heiliger Geist, lass uns leben aus Deiner Stärke.

*Der Text stammt aus der Renovabis-Pfingstnovene „Die Gaben des Heiligen Geistes“ von 1996, der Autor ist in seiner Funktion zu diesem Zeitpunkt genannt.