Kommentare der Kirchenväter

Was haben die Kirchenväter zu den Evangelien geschrieben? Eine Zusammenstellung von Kommentaren hat bereits Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert vorgenommen.
Dieses Werk erhielt den Titel „Goldene Kette” (Catena aurea). Mittlerweile ist es auch im Internet verfügbar: www.catena-aurea.de.

Evangelium am Vorabend vor Pfingsten: Joh 7,37-39

37 Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke,

  • Er sagt aber: Wenn einer Durst hat, gleich als ob er sagte: Ich ziehe niemanden mit Zwang und Gewalt an mich; sondern wenn einer eine große Sehnsucht hat – diesen rufe ich. (Chrysostomus)
  • Wenn wir also Durst haben, sollen wir kommen, nicht mit den Füßen, sondern mit unserem Verlangen; nicht indem wir gehen, sondern indem wir lieben. (Augustinus)

38 wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.

  • Er sagt aber: Ströme und nicht: Strom, um dadurch geheimnisvoll die überfließende Fülle der Gnade anzudeuten. Er sagt lebendiges Wasser, d.h. solches, das sich immer bewegt. Wenn nämlich die Gnade des Heiligen Geistes in einen Geist eingetreten ist und gefestigt wurde, so strömt sie mehr als jede andere Quelle; sie wird nicht geringer noch versiegt sie noch steht sie still. (Chrysostomus)
  • Als er nämlich sagte: Wer an mich glaubt, komme und trinke, und Ströme lebendigen Wassers werden aus seinem Innern fließen, versprach er das ewige Leben, wo wir nichts zu fürchten haben und nicht sterben werden. (Augustinus)

39 Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.

  • Es war also der Geist Gottes; aber er war noch nicht in denen, die an Jesus geglaubt hatten. Er wollte ihnen nämlich diesen Geist erst nach seiner Auferstehung geben. (Augustinus)
  • Aber wie kann es von Johannes dem Täufer heißen: Im Schoß seiner Mutter wird er vom Heiligen Geist erfüllt werden? Und wie konnte Zacharias vom Heiligen Geist erfüllt sein, so dass er solches über ihn sagen konnte? Und wie konnte Maria, vom Heiligen Geist erfüllt, solche Dinge über den Herrn voraussagen? Und wie konnten Simeon und Hanna, vom Heiligen Geist erfüllt, die Größe Christi erkennen, als er ein kleines Kind war? Wie also ist es zu verstehen, [dass der Geist noch nicht gegeben war]? Wie, wenn nicht so, dass diese bestimmte Gabe des Heiligen Geistes nach der Verherrlichung Christi so geartet war wie keine andere vorher? Denn in dieser Herabkunft [des Heiligen Geistes] sollte es besondere Dinge geben, die es vorher nie gab. Wir lesen nämlich nirgends, dass Menschen, in die der Heilige Geist gekommen ist, in Sprachen redeten, die sie nicht kannten, wie es damals geschehen ist, auch wenn es normal ist, dass die Ankunft des Geistes in äußerlich wahrnehmbaren Zeichen offenbar wird. (Augustinus)
  • Oder anders: Er nennt das Kreuz „Verherrlichung Christi“: Denn weil wir seine Feinde waren, ein Geschenk aber nicht Feinden, sondern den Freunden gegeben wird, deshalb musste zuerst das Opfer dargebracht werden und die Feindschaft in seinem Fleisch überwunden werden, und dann konnten wir – nun zu Freunden Gottes gemacht – die Gabe empfangen. (Chrysostomus)

Evangelium an Pfingsten: Joh 20,19-23

19 Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

  • Auf die Verkündigung der Auferstehung durch Maria von Magdala konnten die Jünger in zwei Weisen reagieren: Entweder sie trauten der Botschaft nicht, oder sie nahmen sie glaubend an, waren aber traurig, daß der Herr sie selbst nicht für wert gehalten habe, sich ihnen zu zeigen. Doch er überließ sie nicht einen einzigen Tag lang diesen trübseligen Gedanken; sondern als es Abend geworden war, trat er zu ihnen, die bereits von seiner Auferstehung wußten und danach dürsteten, ihn zu sehen, und voll Furcht waren. (Chrysostomus)
  • Er kam bei verschlossenen Türen, damit deutlich werde, daß er auf die gleiche Weise auferstanden war, während der Stein das Grab verschloß. (Theophylactus)
  • Manche werden durch dieses Ereignis so aus der Fassung gebracht, daß sie nahezu vom rechten Weg abkommen, indem sie ihre eigenen Vernunftargumente, die aber aus Voreingenommenheit stammen, gegen die Wundertaten Gottes ins Feld führen. Sie argumentieren nämlich: Wenn es sich um einen Körper handelte, und wenn es derselbe Leib war, der am Kreuz gehangen hatte, wie konnte er durch verschlossene Türen eintreten? Wenn du die Art und MaßLat.: modus begreifst, dann ist es kein Wunder. Wo der Verstand versagt, da findet der Glaube seine Auferbauung. Du willst von mir wissen: Wenn er durch die verschlossene Tür eintrat, wo ist die AusdehnungLat. modus des Leibes? Ich antworte: Als er über dem See wandelte, wo war das Gewicht des Leibes? Das wirkte der Herr als Herr. Hat er etwa nach der Auferstehung aufgehört, der Herr zu sein? (Augustinus, Osterpredigt)
  • Der Materie des Leibes, in dem die Gottheit war, konnten die verschlossenen Türen keinen Widerstand leisten. Ohne sie zu öffnen, konnte er eintreten, blieb doch auch bei seiner Geburt die Jungfräulichkeit seiner Mutter unversehrt. (Augustinus, In Io., tr. 121)
  • Es ist doch auf den ersten Blick verwunderlich, daß sie ihn nicht für eine Einbildung hielten. Doch war ja schon vorher die Frau gekommen und hatte in ihnen durch ihre Botschaft schon ziemlich viel Glauben bewirkt. Und auch er selbst zeigte sich ihnen handgreiflich und festigte ihren schwankenden Geist mit seinem Wort: Friede mit euch. […] Damit ruft er ihnen in Erinnerung, was er bereits vor der Kreuzigung gesprochen hatte: Meinen Frieden gebe ich euch (Joh 14, 27) und Ihr werdet in mir Frieden haben (Joh 16, 33). (Chrysostomus)

20 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen.

  • Weil aber ihr Glaube noch schwankte beim Anblick seines Leibes, den sie sehen konnten, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Nägel hatten seine Hände durchbohrt, die Lanze seine Seite geöffnet: Hier blieben die Spuren der Wunden erhalten, um die Herzen der Zweifelnden zu heilen. (Gregor der Große)
  • Als der Herr von den Seinen so wahrgenommen werden sollte, daß er auch nicht erkannt werden konnte, da war die Herrlichkeit, in der die Gerechten leuchten werden wie die Sonne (Mt 13,43) im Reiche ihres Vaters, vor den Augen der Jünger am Leibe des Auferstandenen eher verborgen, als daß sie gefehlt hätte – denn der schwache Blick eines Menschen könnte sie nicht ertragen. (Augustinus)
  • Zugleich zeigt er mit diesem Friedensgruß die Kraft des Kreuzes: alle Traurigkeit löst er dadurch, alle Güter schenkt er dadurch. Und eben das ist „Friede“. (Chrysostomus)

21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

  • Wenn ich euch nun mitten in das Ärgernis der Verfolgung sende, liebe ich euch mit der gleichen Liebe, wie der Vater mich liebt, den er in die Welt kommen ließ, um Leiden zu erdulden. (Gregor der Große)

22 Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

  • Dieser körperliche Hauch war nicht der Heilige Geist selbst, sondern ein passendes Zeichen, das zeigen sollte, daß der Heilige Geist nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohn ausgeht. (Augustinus)
  • Was ist der Grund dafür, daß der Hl. Geist den Jüngern zuerst auf Erden gegeben, dann vom Himmel gesandt wurde? Doch wohl, weil es zwei Gebote der Liebe gibt, der Gottes- und der Nächstenliebe. Auf Erden wird der Geist gegeben, damit der Nächste geliebt werde, vom Himmel wird er gegeben, damit Gott geliebt werde. Wie die Liebe nur eine einzige ist, doch das Gebot ein doppeltes, so ist der Heilige Geist nur einer, doch gibt er die zwei Tugenden. (Gregor der Große)
  • Manche Leute sage, daß der Herr hier nicht den Hl. Geist gab, sondern die Jünger durch den Hauch vorbereitete und befähigte, den Hl. Geist zu empfangen. Denn wenn schon Daniel beim Anblick eines Engels außer sich geriet und eine Entrückung erlitt, was wäre mit den Jüngern geschehen, wenn ohne Vorbereitung jene unaussprechliche Gnade über sie gekommen wäre? Auch geht derjenige nicht fehl, der sagt, daß die Jünger die geistliche Vollmacht damals nicht zu Wundertaten und Totenerweckungen erhielten, sondern zur Vergebung der Sünden. Darum folgt: Welchen ihr die Sünden nachlaßt … (Chrysostomus)

23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.

  • Man soll wissen, daß diejenigen, welche zuerst den Hl. Geist besaßen, um selbst ohne Schuld zu leben und durch ihre Verkündigung manchen zu nützen, nun nach der Auferstehung des Herrn den Hl. Geist offenkundig empfingen, damit sie nicht nur einigen wenigen, sondern vielen nützen könnten. Ich bitte euch, betrachtet einmal, daß die Jünger zu ebensolchen Lasten der Demut berufen wurden, wie sie zu einem Gipfel an Herrlichkeit geführt wurden. Sie sollten nicht nur in Hinsicht auf sich selbst sicher sein, sondern die Vorrangstellung erhalten, ein im Himmel gültiges Urteil zu sprechen: daß sie an Gottes statt Sünden nachlassen oder behalten könnten. Ihren Platz nehmen jetzt in der Kirche die Bischöfe ein; wer das Leitungsamt übernimmt, empfängt die Vollmacht zu binden und zu lösen. Eine überragende Ehre, aber sie ist auch eine schwere Last. Hart ist es, wenn jemand, der es nicht versteht, das eigene Leben recht zu ordnen, Richter sein soll über das eines anderen. (Gregor der Große)
  • Wenn ein Priester bzw. Bischof sein eigenes Leben recht führt, um das der anderen aber nicht gewissenhaft Sorge trägt, wird er mit den Übeltätern in die Hölle kommen. Da ihr nun wißt, wie groß die Gefahr ist, erweist den Bischöfen liebevolle Ehrerbietung, auch wenn sie nicht besonders hervorragende PersönlichkeitenLat.: non valde nobiles sind. Denn es entspricht nicht der Gerechtigkeit, daß sie von den Untergebenen gerichtet werden. Selbst wenn ihr Leben verachtenswert wäre, so soll man dennoch nicht Anstoß nehmen an dem, was ihnen von Gott anvertraut wurde. Kein Priester, kein Engel, kein Erzengel vermag an den Gaben Gottes etwas zu bewerkstelligen, sondern der Vater, der Sohn und der Heilige Geist spenden alles. Der Priester stellt seine Zunge und seine Hand zur Verfügung. Es ist also nicht recht, daß diejenigen, die zum Glauben kommen, an den Glaubensgeheimnissen unseres Heiles Anstoß nehmen wegen der Schlechtigkeit einer anderen Person. (Chrysostomus)