Gottes Geist für alle!

Die Bibel verheißt, dass alle Menschen Gott erfahren können. Auch in Ereignissen unserer Tage lässt sich sein Geist finden. Von Josef Epping.

„Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!“

FeuerzungenDieser Ausruf stammt aus einer Zeit, in der das Volk Israel längst in dem vielgepriesenen Land, „in dem Milch und Honig fließen“, ansässig geworden war und in Freiheit und vergleichsweise in Wohlstand leben konnte. Aber die Worte sind von unbekannten Bearbeitern der ersten fünf biblischen Bücher dem Mose in den Mund gelegt und damit zurückdatiert worden, und zwar in die Zeit der Wüstenwanderung nach dem Auszug aus Ägypten. Nach der Darstellung des Buches Numeri war das eine Zeit der ständigen Revolte gegen Gott. Zu wenig zu essen, zu wenig zu trinken, übermächtige Feinde, Konflikte um die von Gott berufenen Anführer, lebensgefahrliehe Bedrohungen in der Wüste … Die Verfasser des Textes erinnern ihre sesshaft gewordenen Zeitgenossen damit an ihre Vergangenheit als Flüchtlinge und entlarven die Haltung des gefühlten Mangels und der als unüberwindlich empfundenen Schwierigkeiten: Sie erinnern an die Erfahrung, dass Gott immer wieder verlässlich für sein Volk sorgt und verlagern die Aufmerksamkeit von den alltäglichen Besorgnissen hin zum Wesentlichen: dass nämlich der göttliche Geist die Menschen erfüllen und das Handeln leiten solle.

Gottes Geist für alle – das steht schon beim Propheten Joel zu lesen. Er verkündet als Botschaft von Gott:

„Es wird geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch“ (3,1).

Das ist eine der großen visionären Ideen der Bibel- im Wortlaut des Joel ist sie eingegangen auch in das Neue Testament. Nach der Apostelgeschichte werden die versammelten Jünger am Pfingsttag vom göttlichen Geist „befeuert“, und Petrus deutet dieses Ereignis in einer großen Predigt an die herbeigelaufene Menge. Er greift dabei ausführlich auf das Buch Joel zurück und schließt mit den Worten:

„Euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr unser Gott herbeirufen wird“ (2,39).

Gottes Geist für alle – darin wird das Wissen über Gott „demokratisiert“: Es ist nicht beschränkt auf große Gestalten und religiöse Spezialisten. Es ist darüber hinaus universal – wenn damit auch nicht der Wert eines spezifischen Wissens geleugnet werden soll, das in bestimmten Sprach- und Ausdrucksformen konkret wird. Es ist allen Menschen zugänglich.

Ungeplant, unvorhersehbar

So weit die biblische Vision. Was ist daraus geworden? Ist das nur eine vergangene, reichlich romantische Idee? Oder wird auch in unserer Zeit etwas spürbar von der Erfüllung dieser alten Verheißung? Der Theologe Eugen Biser hat beispielsweise die friedliche Revolution, die 1989 die deutsche Einheit vorbereitet hat, als ein solches von Gottes Geist gewirktes Ereignis gedeutet. Da griffen zahlreiche Menschen die Zeichen der Zeit auf und übersetzten ihre Erkenntnis in konkretes Handeln, beispielsweise durch die „Montagsdemonstrationen“.

Und wenn wie am ersten Septemberwochenende tausende von Flüchtlingen in Deutschland ankommen und mit großer Herzlichkeit aufgenommen werden, wenn Hunderte von Helfern ihnen nach monatelangen Strapazen freundlich Beifall klatschen und sie mit dem Nötigsten versorgen, dann kann man auch das, ungeplant und unvorhersehbar, wie es war, als eine Wirkung des göttlichen Geistes verstehen, als ein Pfingstereignis. Man muss das nicht romantisch verklären. Denn es ist klar, dass mit der Ankunft und freundlichen Aufnahme die Probleme nicht gelöst sind, sondern erst beginnen. Und doch gibt es nun einen richtungweisenden Anfang, der auch einer oftmals verzagten Politik den Weg weist und hinter den sie nicht zurückfallen darf. Das kann man durchaus prophetisch nennen. Die Kraft des guten Geistes muss sich darin zeigen, dass er nicht nur eine überraschende Initialzündung schafft, sondern dass er auch den langen Atem trägt, der das Begonnene geduldig zu einem guten Ergebnis bringt.


Dieser Artikel erschien in der Wochenzeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART (Nr. 39/2015, Freiburg i. Br., www.christ-in-der-gegenwart.de).